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Schabbaba
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Schabbaba, asch-schabbāba, auch shabbābah, ßebbabe, schebāb, shbiba (arabisch), ist eine in der arabischen Volksmusik gespielte LĂ€ngsflöte mit geradem Ende oder seltener eine Kerbflöte. Das schlanke Spielrohr aus Holz, verholztem Schilfrohr, Metall oder Kunststoff besitzt typischerweise sechs Fingerlöcher und ein Daumenloch. Die unterschiedlichen Varianten der schabbāba werden meist von jungen Amateuren, traditionell von Hirten, zur Unterhaltung geblasen und kommen in Jordanien, Syrien, PalĂ€stina, Ägypten, im Irak sowie bei Beduinen in Nordafrika vor. Der Tonumfang ist geringer als bei der in den klassischen Musikstilen der Region gespielten nāy, wobei nāy daneben als Oberbegriff fĂŒr die orientalischen offenen LĂ€ngsflöten gebraucht wird. Orientalische Kerbflöten werden auch māsĆ«l genannt.

Die Jesiden verehren die schebāb als heiliges Musikinstrument, das zusammen mit der Rahmentrommel duff religiöse Zeremonien begleitet.

Contents

‱ Jordanien
‱ Ägypten
‱ Maghreb
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Herkunft und Verbreitung

Abgesehen von altsteinzeitlichen Knochenflöten ist der Ă€lteste Flötenfund eine sumerische Silberflöte aus Ur in Mesopotamien, die auf 2450 v. Chr. datiert wird.cite-ref-1[1] Flöten im Alten Ägypten sind seit prĂ€dynastischer Zeit (4. Jahrtausend v. Chr.) abgebildet. Von besonderer Bedeutung fĂŒr die Herkunft der LĂ€ngsflöte ist eine im Ashmolean Museum in Oxford aufbewahrte Prunkpalette aus Hierakonpolis, die um 3000 v. Chr. entstand und einen Flöte spielenden Fuchs oder Schakal zeigt.cite-ref-2[2] Eine schrĂ€g gehaltene LĂ€ngsflöte von etwa einem Meter LĂ€nge, die auf Reliefs aus dem Alten Reich (3. Jahrtausend v. Chr.) dargestellt ist, war offenbar ein Teil des Orchesters.cite-ref-3[3] Erhaltene Flöten ab dem Mittleren Reich sind zwischen unter 50 Zentimeter und etwa einem Meter lang.

Der am weitesten verbreitete Sammelbegriff fĂŒr an beiden Enden offene LĂ€ngsflöten im Nahen und Mittleren Osten ist arabisch-persisch nāy (nai, ney, „Rohr“), entsprechend tĂŒrkisch ney. Namensverwandte LĂ€ngsflöten, die stets aus einem langen, schlanken Rohr bestehen, kommen bis in den SĂŒden Pakistans vor (narh und nel). Eine alte arabische Bezeichnung fĂŒr eine lĂ€ngsgeblasene Flöte in frĂŒhislamischer Zeit lautet qasāba (al-qussāba); hierauf geht der heutige Name gasba fĂŒr eine in Nordafrika gespielte Rohrflöte zurĂŒck. Die gasba ist eine im Maghreb verbreitete LĂ€ngsflöte und in der Westsahara ausnahmsweise eine Querflöte. Weitere alte Flötennamen waren und sind as-suffāra und in spĂ€terer Zeit al-ghaba und an-naqÄ«b. Verschiedene kleine Flöten hießen persisch pÄ«scha und berberisch dschuwāq.cite-ref-4[4] In der arabischen Volksmusik werden allgemein kleine Flöten sibs genannt, wobei es primĂ€r auf die hohen Töne des Instruments ankommt und mit sibs in Ägypten im Orchester auch kleine, hoch tönende Rohrblattinstrumente gemeint sein können.cite-ref-5[5] Der Name sibs steht also fĂŒr den Verwendungszweck eines Musikinstruments und weniger fĂŒr eine bestimmte Form.cite-ref-6[6] Eine entsprechend auf die musikalische Verwendung gerichtete Namensgebung kommt auch bei anderen Instrumenten vor; im Fall von schabbāba und nāy wird im Wesentlichen eine Hirtenflöte von einer Konzertflöte unterschieden.

Zur Zeit der Abbasiden wurden unter anderem die Flöten nāy, schabbāba, qasaba und saffāra erwĂ€hnt, ferner die Panflöte armĆ«nÄ«qÄ«, die Rohrblattinstrumente mizmar (zamr), surnā(y), zummara, zulāmÄ« und mausĆ«l sowie die Blechblasinstrumente bĆ«q und nafÄ«r.cite-ref-7[7] Der persische Geograph Ibn Chordadhbeh (um 820 – um 912) fĂŒhrt die Musikinstrumente auf ihren (aus heutiger Sicht mythischen) Ursprung zurĂŒck, etwa die Trommel (tabl) und die Rahmentrommel (duff, hebrĂ€isch tof) auf die biblische Figur Lamech und die Flöte (saffāra) auf die Kurden. SpĂ€ter hĂ€tten Ibn Chordadhbeh zufolge die Perser das Schilfrohr zur Herstellung von Blasinstrumenten (allgemein nāy) entdeckt. Eine Ă€gyptische Miniatur aus dem 14. Jahrhundert im Kitāb Kaschf al-humĆ«m („Buch der bedeutenden Entdeckungen“) zeigt einen Flötenspieler mit der Rohrflöte schabbāba. Dort heißt es, die Flöte habe im Altertum minghāra geheißen und am Hof wĂŒrden gelegentlich entsprechende Flöten aus Gold und Silber gespielt.cite-ref-8[8]

Im 9. Jahrhundert ersetzten die Araber die qasaba durch die persische nāy, nur im Maghreb wurde sie weiterhin verwendet. Dort wird bis heute eine 60 bis 70 Zentimeter lange Endkantenflöte mit fĂŒnf bis sechs Löchern qasaba genannt. In Syrien heißt eine Schnabelflöte qasaba und im Jemen eine LĂ€ngsflöte abgeleitet qasba.cite-ref-9[9]

Schabbāba ist vom Wort schabbāb, „Jugend“, „Jugendzeit“, abgeleitet und verbindet die Vorstellung von Jugendlichkeit mit einem Musikinstrument,cite-ref-10[10] das traditionell hauptsĂ€chlich von jungen SchĂ€fern gespielt wurde. Darin ist die Vorstellung enthalten, dass FlötenklĂ€nge der menschlichen Stimme am nĂ€chsten kommen und mit dem Spiel der schabbāba die ĂŒberschwĂ€nglichen GefĂŒhle jugendlicher Liebhaber zum Ausdruck gebracht werden.

Von asch-schabbāba stammt der Name der altspanischen Kerbflöte ajabeba ab, der im 14. Jahrhundert erwĂ€hnt wird und wohl zusammen mit der Flöte durch die arabische Eroberung nach al-Andalus gelangte. Eine Ă€ltere, erstmals 1294 erwĂ€hnte Schreibweise von ajabeba ist axabeba (oder exabeba).cite-ref-11[11] In einer Verszeile der 1348 verfassten Reimchronik Poema de Alfonso Onceno ĂŒber König Alfons XI. wird die Flöte zur Umschreibung ihrer arabischen Herkunft als „la exabeba morisca“ erwĂ€hnt.cite-ref-12[12]

Kerbflöten gab es vermutlich bereits im Ă€gyptischen Neuen Reich (um 1550 – um 1070 v. Chr.) und mit großer Wahrscheinlichkeit in der PtolemĂ€erzeit. Ein Beleg hierfĂŒr ist eine in Deir el-Medina gefundene grifflochlose Bambusflöte, deren oberes Ende wie ein BlockflötenmundstĂŒck geformt ist.cite-ref-13[13] Arabische Reiseschriftsteller des 13. Jahrhunderts erwĂ€hnen Schnabelflöten (yarā), die sie in Nordafrika vorfanden. Der andalusische Gelehrte asch-Schakundi († 1231/32 in CĂłrdoba) berichtet, dass Sevilla ein bedeutendes Zentrum fĂŒr die Herstellung von Musikinstrumenten war und unter anderem Schnabelflöten (yarā) bis in den westlichen Sudan geliefert wurden.cite-ref-14[14] Aus dem 13. Jahrhundert stammt auch eine Byzantinische Buchmalerei mit einer der frĂŒhesten europĂ€ischen Abbildungen einer Kerbflöte, auf der sieben Fingerlöcher zu sehen sind. Ab dem 17. Jahrhundert sind Kerbflöten aus Anatolien bekannt, wo heutige SchĂ€ferflöten als kaval und bilĂ»r (bei Kurden), im benachbarten Armenien als blul und im Osten Georgiens als salamuri vorkommen. Zur Hirtenkultur gehörende Kerbflöten sind ebenfalls auf dem Balkan (allgemein kaval, in Bulgarien auch swirka) und in Zentralasien (tulak) beliebt. Curt Sachs vermutet deshalb als Herkunftsregion der Kerbflöte Asien, von wo sie ĂŒber Nordafrika als arabischer Kultureinfluss auf die Iberische Halbinsel und zugleich ĂŒber den Balkan nach Westeuropa gelangt sein könnten.cite-ref-15[15]

Einige LĂ€ngsflöten werden auch sĂŒdlich der arabischen EinflusssphĂ€re in Afrika gespielt, etwa die Kerbflöte enderre in Buganda, die ein Instrument der Hirtenjungen und der Hofmusik ist. Die nai (oder semaa) der ostafrikanischen Swahili verweist namentlich auf einen tĂŒrkischen oder persischen Einfluss.cite-ref-16[16] In Madagaskar wird eine mit der schabbāba namensverwandte Flöte sobaba genannt.cite-ref-17[17]

Bauform und Spielweise

Georg Hjersing HÞst, der 1760 bis 1768 dÀnischer Konsul in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira war, kommentiert in seinem Buch Nachrichten von Maroccos und Fes (Kopenhagen 1781) eine Bildtafel, auf der mehrere Musikinstrumente der Mauren dargestellt sind, darunter die kleine Flöte schabbāba:

„SchabĂ©ba ist eine kleine Flöte, die ihren Laut von oben ohne Pfropf, und auf die Art, wie eine Queerflöte, aber noch einmal so schwer erhĂ€lt, sie lautet beynahe wie eine Queerpfeife, aber ein wenig tiefer und noch schĂ€rfer.“cite-ref-18[18]

Im Nahen Osten und in Afrika ĂŒberwiegen beidseitig offene LĂ€ngsflöten, dennoch kommen schabbāba oder māsĆ«l genannte Kerbflöten (Innenspaltflöten) in Nordafrika und anderen Gebieten vor allem bei Beduinen vor. Sie werden von Hirtennomaden und gelegentlich auch solistisch von Frauen zur eigenen Unterhaltung gespielt. Bei Hochzeiten und anderen Familienfeiern begleiten Ensembles mit Kerbflöten eine Gesangsstimme oder einen Chor. Die Kerbflöten bestehen wie die anderen lĂ€ngs geblasenen Flöten meist aus Holz oder Bambus und sind an der Unterseite offen.cite-ref-19[19]

Der auf Kerbflöten beschrĂ€nkte Name māsĆ«l bezeichnete frĂŒher allgemein Blasinstrumente. Die māsĆ«l im Nahen Osten können zwischen 10 und 55 Zentimeter lang sein und aus Holz, Rohr oder gebranntem Ton bestehen. Die 10 Zentimeter lange Flöte māsĆ«la mit drei Fingerlöchern aus Ton oder Plastik ist ein Kinderspielzeug. MāsĆ«la, Pfeifen aus Metall, Aprikosenkernen oder als zoomorphe Tonfiguren, heißen bei den Arabern auch sāfira oder sĆ«sāya und bei den Kurden fiqna.cite-ref-20[20]

Jordanien

Eine typische offene LĂ€ngsflöte schabbāba im Nahen Osten besitzt eine etwa 55 Zentimeter lange zylindrische, unten offene Röhre aus Holz (Aprikosenholz), Schilfrohr (Bambus) oder Metall mit sechs (fĂŒnf bis sieben) Fingerlöchern und einem Daumenloch an der Unterseite.cite-ref-21[21] Aus Mangel an Schilfrohr, das nur an manchen GewĂ€ssern gedeiht, wird auch Kunststoff verwendet. Das GrĂ¶ĂŸenspektrum bei der schabbāba reicht von einer kurzen Endkantenflöte (ohne Schnabel) in Jordanien mit fĂŒnf Fingerlöchern ohne Daumenloch bis zu einer Kerbflöte in Ägypten mit sieben Fingerlöchern und Daumenloch. Eine kurze Metallflöte mit geradem oberen Ende in Jordanien ist 25 Zentimeter lang bei 1,5 Zentimetern Durchmesser und besitzt fĂŒnf Fingerlöcher im gleichbleibenden Abstand von zwei Zentimetern. Ihr Tonumfang betrĂ€gt zwei Oktaven (d2–d4) mit jeweils sechs Tönen. Die obere Oktave kann durch Überblasen erreicht werden,cite-ref-22[22] in der Praxis ermöglicht die Anblastechnik nur eine Oktave.cite-ref-23[23] Eine kurze jordanische schabbāba aus Rohr ist 35 Zentimeter lang und besitzt sechs Fingerlöcher und kein Daumenloch. Der Spieler nimmt die Flöte dicht an die Lippen, hĂ€lt sie etwas schrĂ€g nach unten und blĂ€st wie bei der nāy gegen das obere rechtwinklig abgeschnittene und angeschrĂ€gte Ende. Eine zweite Methode ist, das Flötenende an einem oberen Eckzahn zu fixieren. Nachteilig ist hierbei, dass ein Teil der Blasluft zurĂŒck in den Mundraum des Spielers gelangt.

In Jordanien begleiten schabbāba und die Bechertrommel tabla den SĂ€nger bei Familienfeiern und anderen sozialen Gelegenheiten. Die schabbāba spielt eine Melodie, die anschließend vom SĂ€nger in derselben, einer höheren oder tieferen Tonlage wiederholt wird.cite-ref-24[24] Bei Familienfeiern in Jordanien und im gesamten Nahen Osten ist besonders der Tanz Dabke beliebt, der bei fröhlichen AnlĂ€ssen aufgefĂŒhrt wird. Im Kreis der TĂ€nzer steht in der Mitte ein mĂ€nnlicher Musiker und spielt die Melodie auf einer schabbāba, ansonsten auf den gedoppelten Einfachrohrblattinstrumenten midschwez oder yarghul. Der musikalische Leiter singt die Verse im Wechsel mit dem Chor der TĂ€nzer, unterbrochen vom Zwischenspiel des Blasinstruments. Die Flöte kann trotz ihres begrenzten Tonvorrats fĂŒr fast alle jordanischen Volkslieder verwendet werden. Deren einfache Melodien basieren ĂŒberwiegend auf dem Maqam Bayati;cite-ref-25[25] entsprechend dessen Skala ist die schabbāba gestimmt.

Mit schabbāba wird ebenso wie mit dem universalen Wort nāy stets eine schlanke Flöte bezeichnet. Die in der klassischen arabischen Musik verwendete nāy hat einen klareren Ton als das Volksmusikinstrument schabbāba, das möglicherweise deren VorlÀufer war. Die schabbāba gehört zur DomÀne der MÀnner, wÀhrend die klassische nāy der Volkstradition enthoben ist und von MÀnnern und Frauen gespielt wird.

Ägypten

Von den schlanken Flöten wird in Ägypten die Êżuffāta unterschieden, eine kurze offene LĂ€ngsflöte mit einem großen Durchmesser. Zum Vergleich betrĂ€gt bei einer mittelgroßen Ă€gyptischen Êżuffāta von 42 Zentimetern LĂ€nge der Durchmesser 18 bis 20 Millimeter und bei einer langen nāy mit 72 Zentimetern LĂ€nge 11 bis 13 Millimeter. Die sechs Fingerlöcher der Êżuffāta sind (entsprechend der nebenstehenden Abbildungcite-ref-26[26]) in zwei Gruppen zu je drei Fingerlöchern angeordnet. Schabbāba und Êżuffāta haben in Ägypten die Herkunft aus dem lĂ€ndlichen Bereich gemein und beide werden zur Liedbegleitung und mit anderen Flöten unterschiedlicher LĂ€nge in kleinen Ensembles auf den Dörfern gespielt.cite-ref-27[27] Eine Ă€gyptische Rohrkerbflöte (māsĆ«l) aus dem 19. Jahrhundert ist 26 Zentimeter lang und hat einen Durchmesser von 2,3 Zentimetern.cite-ref-28[28]

In Ägypten setzt sich ein typisches und in der Volksmusik altbekanntes Flötenensemble aus zwei langen Flöten (Êżuffāta), einer halb so langen Flöte (sibs) und zwei zweifelligen Zylindertrommeln (tabl baladÄ«) zusammen. Als regionale Varianten spielen im Nildelta ein oder zwei Flöten (hier salāmÄ«ya) mit einer Doppelklarinette (arghĆ«l) oder Flöten und die Rahmentrommel tār in Verbindung mit HĂ€ndeklatschen zur Gesangsbegleitung zusammen. Zu den ein bis drei Flöten der Begleitensembles im Niltal gehört stets eine kleine sibs. Weitere Trommeln in diesen Ensembles sind die Rahmentrommel riq und die Bechertrommel darbuka. Flöten können auch im Ritualensemble beim Ă€gyptischen zār-Kult gespielt werden, bei dem ansonsten die Leier tanbura von zentraler Bedeutung ist. Die Namen der Flöten werden allgemein unterschiedlich angegeben. Neben den genannten Namen wird auch die unspezifische Bezeichnung nāy verwendet. Regional bezeichnen manche Ägypter entweder alle LĂ€ngsflöten ohne Daumenloch oder nur hoch tönende Flöten als suffāra und die Kerbflöten als schabbāba.cite-ref-29[29] Gelegentlich werden Flöten, die eine Oktave höher als die suffāra oder salāmÄ«ya klingen, kawal genannt. SalāmÄ«ya kann auch wie Êżuffāta Flöten bezeichnen, deren Fingerlöcher in zwei Gruppen mit einem grĂ¶ĂŸeren Abstand dazwischen aufgeteilt sind. DemgegenĂŒber besitzen die Êżuqla und zafāfa genannten Flöten gleichmĂ€ĂŸig angeordnete Fingerlöcher.cite-ref-30[30] Es sind in Ägypten auch Kerbflöten aus Rohr ohne Fingerlöcher bekannt, die ursprĂŒnglich wohl bei Ritualen verwendet wurden und heute als Kinderspielzeug dienen.cite-ref-31[31]

Maghreb

Dem offenen LĂ€ngsflötentyp schabbāba entspricht in Form und Spielweise im Maghreb die gasba (hocharabisch qasāba). Die Kombination aus gasba und der Rahmentrommel bendir ist neben der Kombination aus der Kegeloboe ghaita (oder zurna) und der Zylindertrommel t'bol sowie der Kastenhalslaute gimbri mit anderen Instrumenten eines der drei traditionellen Ensembles, mit denen Berber ihre Lieder begleiten. Das Zusammenspiel der Kerbflöte yarā mit der Rahmentrommel duff oder der Endkantenflöte nāy mit der Rahmentrommel mizhar schildert bereits ein Vers des vorislamischen arabischen Dichters al-AÊżschā MaimĆ«n (um 570 – um 629).cite-ref-32[32]

Religiöse Musik der Jesiden

Zur ReligionsausĂŒbung der Jesiden gehört bei bestimmten Gelegenheit der musikalische Vortrag einer qawl (vgl. qawwali) genannten Gedichtform, die ein Teil des ĂŒberlieferten religiösen Wissens darstellt. Die qawl werden von professionellen Rezitatoren (qawwāl, qewwal) vorgetragen, die ihre Tradition mĂŒndlich innerhalb der Familie weitergeben. Die auf Kurmandschi verfassten Hymnen bestehen aus durchschnittlich 20 bis 60 Versen, die ĂŒblicherweise einen Endreim besitzen. Das lĂ€ngste Gedicht enthĂ€lt 117 Verse. Ein Qawwāl beherrscht eine gewisse Anzahl dieser Gedichte und die jeweils dazugehörende Melodie (kubrĂ­). In den qawl werden Mythen zur Entstehung der Gemeinschaft, die Kosmogonie, religiöse und weltanschauliche Themen ĂŒberliefert. Den Vortrag der Hymnen begleiten die als heilig geltende Flöte schebāb und die Rahmentrommel duff.cite-ref-33[33]

Entsprechend gehört die Rohrflöte ney in der TĂŒrkei zum Ritual des sufischen Mevlevi-Ordens. Die sakrale Bedeutung der Rohrflöte hat in Anatolien eine bis in die Antike zurĂŒckreichende Tradition, als der Flötenspieler die Aufgabe hatte, mit einem gesprochenen Vortrag und seiner Flöte in einer Epiklese die Götter anzurufen.cite-ref-34[34] Die Verehrung der beiden Musikinstrumente bei den Jesiden reicht offensichtlich ebenfalls bis in vorislamische Zeit zurĂŒck.

Die Gemeinschaft der Jesiden ist in drei religiöse Hauptgruppen gegliedert: Laien (MurÄ«d) sowie die religiösen FĂŒhrungsklassen Scheich und PÄ«r. Die Qawwāls bilden eine von den dreien gesonderte Erbkaste, der das Spiel auf den heiligen Instrumenten schebāb und duff obliegt.cite-ref-35[35] Sie stammen aus den beiden KleinstĂ€dten Baschiqa und Bahzani im Nordirak, in denen die jesidischen Einwohner nicht Kurmandschi, sondern einen arabischen Dialekt sprechen. Zur religiösen Ausbildung der Qawwāls, die nicht jedes Mitglied dieser Gruppe absolviert hat, gehört, eine gewisse Anzahl der religiösen Texte auswendig zu können, das Training einer möglichst krĂ€ftigen Stimme und das Spiel der beiden Musikinstrumente. Dadurch werden die Qawwāls zu Bewahrern der religiösen Tradition, die sie weitergeben, wenn sie ĂŒber Land ziehen und Zeremonien durchfĂŒhren. In den 1960er Jahren begann die Institutionalisierung der Ausbildung in Schulen.cite-ref-36[36]

Gelegenheiten, bei denen Qawwāls die religiösen Texte fĂŒr die jesidische Allgemeinbevölkerung vortragen, sind das Neujahrsfest Çarßema Sor und das religiöse Fest Tawusgerran (tāwĆ«s-gērrān, „Zirkulation des Pfauen“), bei dem Jesiden Pfauenfiguren aus Metall als Bildnisse (sanjaq, sancak, religiöse Insigne) des verehrten Melek Taus in den Dörfern aufstellen.cite-ref-37[37] Tawusgerran ist das religiöse Hauptfest in den jesidischen Dörfern. Die sieben existierenden sanjaq sind die wesentlichen Kultobjekte im Jesidentum. Von den beim Tawusgerran gezeigten sanjaq versprechen sich die GlĂ€ubigen göttlichen Beistand. Zugleich bietet die Veranstaltung eine notwendige Begegnungsmöglichkeit fĂŒr die verstreut lebenden Dörfler. WĂ€hrend der Ausstellung eines sanjaq trĂ€gt zunĂ€chst der oberste Qawwāl eine Hymne vor, danach rezitieren von Flöte und Rahmentrommel begleitet weitere Qawwāls Hymnen. Die GlĂ€ubigen treten wĂ€hrenddessen an die Pfauenfigur heran, kĂŒssen sie und spenden einen Geldbetrag. Nicht-Jesiden dĂŒrfen traditionell an dem Fest nicht teilnehmen.cite-ref-38[38] Grenzziehungen, politische Probleme in der Region und schließlich die Sicherheitslage im Irak haben im Verlauf des 20. Jahrhunderts dafĂŒr gesorgt, dass die irakischen Qawwāls nicht mehr in die NachbarlĂ€nder reisen können und somit das Tawusgerran kaum noch durchgefĂŒhrt werden kann.cite-ref-39[39]

Literatur

‱ Ali Salem Hussein Al-Shurman: Al-Shabbabah. In: IOSR Journal Of Humanities And Social Science (IOSR-JHSS), Band 19, Nr. 8, Ver. VII, August 2014, S. 12–21
‱ Shabbāba. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 4, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 481f

Weblinks

‱ ŰŻÙ‡ ف ÙˆŰŽŰšŰ§Űš Daf ĂŒ schebab. Youtube-Video (duff und schebāb im jesidischen Hauptheiligtum in Lalisch, Nordirak)
‱ Yezidi, Lalish, Kurdistan, Iraq. Youtube-Video (Fest im Heiligtum von Lalisch)

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Mohammad T. Al-Ghawanmeh, Rami N. Haddad, Fadi M. Al-Ghawanmeh: Appliance of Music Information Retrieval System for Arabian Woodwinds in E-Learning and Music Education. In: Proceedings of the International Computer Music Conference (ICMC 2009), Montreal, Kanada, 16.–21. August 2009
cite-note-22. ↑ Two dog palette. Ashmolean Museum, Oxford
cite-note-33. ↑ Marcelle Duchesne-Guillemin: Music in Ancient Mesopotamia and Egypt. In: World Archaeology, Band 12, Nr. 3 (Archaeology and Musical Instruments) Februar 1981, S. 287–297, hier S. 291
cite-note-44. ↑ Hans Hickmann: Die Musik des arabisch-islamischen Bereichs. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. ErgĂ€nzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 71f
cite-note-55. ↑ Hans Hickmann, 1970, S. 59; JĂŒrgen Elsner: Remarks on the Big ArÄĄĆ«l. In: Yearbook of the International Folk Music Council, Band 1, 1969, S. 234–239, hier S. 236
cite-note-66. ↑ Hans Hickmann: The Antique Cross-Flute. In: Acta Musicologica, Band 24, Heft 3/4, Juli – Dezember 1952, S. 108–112, hier S. 111
cite-note-77. ↑ Henry George Farmer: A History of Arabian Music to the XIIIth Century. Luzac & Co., London 1929, S. 210
cite-note-88. ↑ Henry George Farmer: Musikgeschichte in Bildern. Band 3: Musik des Mittelalters und der Renaissance. Lieferung 2: Islam. Deutscher Verlag fĂŒr Musik, Leipzig 1966, S. 24, 104
cite-note-99. ↑ QaáčŁaba. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 4, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 190
cite-note-1010. ↑ W. H. Worrell: Notes on the Arabic Names of Certain Musical Instruments. In: Journal of the American Oriental Society, Band 68, Nr. 1, Januar – MĂ€rz 1948, S. 66–68, hier S. 67
cite-note-1111. ↑ Sibyl Marcuse: Musical Instruments. A Comprehensive Dictionary. Country Life Limited, London 1964, S. 7 (Ajabeba), S. 27 (Axabeba)
cite-note-1212. ↑ Walter Mettmann: Zum Lexikon des Ă€lteren Spanischen. In: Romanische Forschungen, Band 74, Heft 1/2, 1962, S. 119–122, hier S. 120
cite-note-1313. ↑ Hans Hickmann: Unbekannte Ă€gyptische Klangwerkzeuge (AĂ«rophone) (Schluß). In: Die Musikforschung, 8. Jahrgang, Heft 4, 1955, S. 398–403, hier S. 400
cite-note-1414. ↑ Henry George Farmer: Early References to Music in the Western SĆ«dān. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 4, Oktober 1939, S. 569–579, hier S. 570
cite-note-1515. ↑ Curt Sachs: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. (Leipzig 1930) Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim 1967, S. 302
cite-note-1616. ↑ Gerhard Kubik: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 10: Ostafrika. Deutscher Verlag fĂŒr Musik, Leipzig 1982, S. 23
cite-note-1717. ↑ Shabbāba. In: Sibyl Marcuse: Musical Instruments. A Comprehensive Dictionary. Country Life Limited, London 1964, S. 470
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